Stadtmeisterschaft 2026 – Runden 1 & 2
Mit 11 Teilnehmern startete die diesjährige Stadtmeisterschaft. Nach Rücktritt eines Spielers und Einstieg eines anderen blieb es für’s Erste auch dabei. Als Titelanwärter sind mit am Start Vor- und Vorvorjahressieger Andi Hierl und die ehemaligen Stadtmeister Jozef Smyk (2021), Wolfgang Brunner (2022) und Martin Simon (2009,2011 und 2012).
Im Folgenden die Highlights der ersten zwei Runden.
Jojo vs. Jozef – enge Kiste
Ganz gut aus den Startlöchern kam Jugendtrainer Johannes Hierl gegen den favorisierten Jozef Smyk.

Nicht allzu viel anbrennen lassen hat bis hier Johannes als Weißer, abgesehen von einem Minusbauern. Die vorgerückten Bauern auf f4 und g5 sind die Überreste eines verpufften Angriffs und potentiell kann Schwarz mit der 4 gegen 3 Bauernmehrheit am Königsflügel versuchen, einen Freibauern zu bilden. Der weiße Springer auf h3 spielt noch nicht richtig mit, während die beiden zentralen Springer auf e und d5 die gegnerischen Damenflügelbauern aufs Korn nehmen können und der Lg7 wenigstens die wichtigen Felder f6 und d6 bewachen kann.
Der Routinier Jozef erkennt hier ganz richtig, dass Turm-Tausch seine Gewinnchancen im Endspiel erhöht (weil ein Turm in Endspiel die Aufgabe für den Verteidiger in der Regel leichter macht), und spielt 31…Sb6 mit doppeltem Turmtausch auf d7.

Au weia! Der weiße Springer von h3 hat es nach a6 geschafft, wo er auch nicht viel besser steht. Durch den Abtausch auf f6 ist ein mächtiger Freibauer auf der h-Linie entstanden, der immer vom wK oder wS im Blick behalten werden muss! Es zeichnet sich allmählich der Gewinnplan für Schwarz ab:
- der weiße Bauer b4 muss bald auch nach b5, um dem Springer das Feld b4 zu räumen. Danach hat der weiße König kein Einbruchsfeld mehr ins schwarze Lager wegen der Bauernblockaden auf a5,c5 und d5.
- Weißer König oder Springer müssen stets das Umwandlungsfeld h1 im Blick behalten und können sich keine Ausflüge leisten, wohingegen der schwarze Springer ungebunden und mobil wird und Angriffe auf weiße Bauern starten kann. Es riecht nach Überlastung der weißen Verteidiger!
- Auch der schwarze König hat kein Durchkommen über a6,c6 oder d6. Da bietet sich die Route über f8 nach h6 an, von wo entweder der Hebel g5 oder der weitere Vormarsch über h5 (nach Vorzug des Freibauern) Optionen wären. Gegebenenfalls kann man sogar über ein Opfer des h-Bauern nachdenken, wenn man dafür als Kompensation den aktiven König bekommt.
Auch wenn das jetzt logisch klingt, weit nach Mitternacht und nach knapp 4 Stunden Spielzeit muss man das erstmal austüffteln.

Ein guter Plan ist die halbe Miete! Der arme weiße König muss seinen b-Bauern decken, der Springer muss h1 decken.Doch einen Trick hat Jojo noch in peto: nach 59.f5 exf5

könnte Weiß seinerseits mit dem Durchbruch e5-e6 einen Freibauern bilden, wenn sich der schwarze König jenseits von g4 oder f4 zu weit entfernt.
Der einfachste Gewinnplan wäre hier g5-g4, um dem König mehr Manövriermöglichkeiten zu schaffen, ggf. den h-Bauern auf h1 opern und dafür die Bauern e5 und f6 zu gewinnen. Schwarz kann damit so lange warten, bis entweder der Springer das Feld f5 freiwillig freigibt und der König auf b4 steht, von wo er den e5 nicht mehr decken kann.
Jozef entschied sich für den netten Alternativ-Plan: mit dem König über f8 zurück nach d6 zu wandern. Das wollte sich Jojo aber nicht mehr zeigen lassen und gab auf.
Niklas vs. Rudi – Alter vor Schönheit
Rdudi Appl kann in seiner achten Dekade noch Geschichten aus den früheren Tagen des Schachklubs erzählen. Darüber hinaus kann er aber auch den Jüngeren das Leben am Schachbrett schwer machen wie Niklas Rebler leidvoll erfahren musste. Dabei stand Niklas im Grunde einen Großteil des Spiels „auf Gewinn“. Das ist wieder der Moment für ein schachhistorisches Zitate zum Thema:
Am schwersten ist es, ein gewonnenes Spiel zu gewinnen.
(Emanuel Lasker, 2. Schachweltmeister)

Weiß hat nicht nur zwei Mehrbauern, Schwarz hat auch unkoordinierte Türme und schwache Bauern auf f5 und a7. Zwar gelang es Rudi, die Türme zu tauschen und sich dadurch etwas zu entlasten, die grundlegenden Probleme seiner Stellung wurde er damit jedoch nicht los.

Der weiße Bauer auf a6 ist gedeckt und Schwarz droht eigentlich nichts (man bedenke, dass der Freibauer auf e5 kontrolliert werden muss und Schwarz keinesfalls noch den a7 verlieren darf. Der Gewinnplan für Weiß wäre demnach, sich mit dem König Zutritt ins schwarze Lager zu verschaffen über f3, g3 h4 ,g5.
Doch stattdessen zog Niklas hier 55. f3?? und macht sich so das Leben unnötig schwer. Zwar hätte er mit nachfolgendem f3-f4 den Königsmarsch wieder zur Verfügung gehabt und die Gewinnchance gewahrt, doch das fällt natürlich schwer, wenn man bereits f3 gezogen hat. Niklas zog jedoch lieber Kf2?? wonach f5-f4! den Königsmarsch verhindert (weil ein Springer auf g5 auch noch h3 verriegelt)!

Spätestens hier wäre der Moment gewesen, sich mit einem Remis abzufinden. Keinem Schachspieler ist jedoch die fiese Psychofalle unbekannt, unbedingt gewinnen zu wollen, auch wenn der Moment längst verstrichen ist. Niklas probierte noch das Opfer des e-Bauern für die Felder h3 und g4 und erlaubte Rudi noch einen hübschen Knallerzug.

Zwar hält hier praktisch jeder schwarze Zug Remis, aber Rudi packte 63…Sd4! aus, wonach
- der Springer entweder bequem den Bauern f4 von e2 decken kann und der Bauer c3 oder a6 fällt und auf einmal Schwarz gewinnt!
- einzig cxd4 Remis hält. Nach Kxb4 kommt es zum Bauernrennen und letztlich zum remislichen Damenendspiel.
Niklas verrechnete sich jedoch bei den „race conditions“ und kam nicht mehr zur Dame. Bitter. Aber Gratulation an Rudi für einen starken Abwehrkampf!
Thomas vs. Andi – Kipppunkte
Die Begegnung der zweiten Runde mit einem gewissen „Vorentscheidungscharakter“. Thomas Hummel ist zwar der Underdog, kann aber auch einem Titelverteidiger Andi Hierl weh tun. Die Partie begann mit einer symmetrischen Eröffnung , führte dann aber maximal schnell zu einer asymmetrischen Bauernstruktur mit leichtem Vorteil für Andi. Im Fußball würde man sagen „Thomas verteidigte tief und Andi konnte seine Chancen nicht verwandeln“. Bis es zum Kipppunkt im 31. Zug kam:

Bestandsaufnahme: es spielt das Springerpaar gegen das Läuferpaar, wobei der Springer auf d6 besser ausschaut als er tatsächlich ist und der Sg2 auch nicht sehr prächtig steht. Beide Könige stehen nicht besonders sicher, vor allem der weiße König. Mit dem bedrohlichen Bauernvorstoß 31…e4 will Andi gerne das Brett für seine Läufer öffnen. Und Thomas kommt ihm mit dem fatalen 32. dxe4?? entgegen anstatt seinerseits auf den Konter 32.f5 zu setzen.

Scheinbar hat Thomas einen Bauern gewonnen und es hängen g6 und d3! Aber wie schnell kann der arme weiße Monarch unter tödlichen Beschuss der Läufer kommen! Die Lage eskaliert nach 34…Txd6 35. Dxg6+ Kh8 36. cxd6 Ld4+ und schon muss sich der Turm vor seinen König werfen mit 37. Tf2 Dxc1+ 38. Kg2 De3. Andi hat genau berechnet, dass seinem König keine Gefahr droht, auch wenn es gefährlich aussieht.

Die Läufer sind nicht nur starke Angreifer sondern auch verlässliche Verteidiger ihres Königs. Thomas musste kurz darauf die Segel streichen.



